Wahrscheinlich kennst du das auch: Du hast unzählige Ideen für dein (Schreib-)Projekt, aber irgendwie will keine so richtig zur anderen passen.

Vielleicht weißt du bereits, an welchen Orten die Geschichte spielen soll, oder was für Gegenstände eine wichtige Rolle zu spielen haben. Außerdem hast du noch ein Thema, das irgendwie noch mit rein muss, und du hast keine Ahnung, wie du den Spiegel mit der Eishöhle, dem schwarzen Kater und dem Thema Spielsucht am besten unter einen Hut bringen sollst.

Da kann dir die Matrix helfen (nein, nicht die Matrix, obwohl das irgendwie auch spannend wär). Vor einigen Jahren bin ich über ein E-Book von Richard Norden (der übrigens einen sehr interessanten und hilfreichen Autorenblog rund um’s Schreiben betreibt; ein Besuch lohnt sich), gestolpert, das es jetzt leider nicht mehr zu geben scheint — jedenfalls führen alle Google-Amazon-Links ins Leere. Sollte sich das wieder ändern, werde ich das Buch hier verlinken. 

Es trägt den Namen »Kreativ mit der Matrix« und hat mir einige erhellende Stunden und vor allem gute, zusammenhängende Ideen für Plot und Figuren beschert — und tut es immer noch, und ist gerade jetzt, während des Bier-Projekts, ein echter Lebensretter.

In diesem Artikel möchte ich dir das Buch, bzw. die darin vorgestellte Kreativitätstechnik genauer vorstellen.

Worum geht’s überhaupt?

Wir kennen verschiedene Techniken, um Ideen zu generieren: Brainstorming, Mindmapping, Clustering, Duschen, Autofahren. Ich benutze diese Techniken oft, und genauso häufig habe ich dann am Ende einen Haufen Stichworte, aber irgendwie doch nichts Schlaues, womit ich weiterarbeiten kann.

Zwar zündet das eine oder andere Stichwort einen kleinen Ideenfunken, aber um das große »Romanfeuer« am Leben zu erhalten reicht es dann meistens nicht. Ich muss diese Ideen darum weiterentwickeln.

Früher habe ich mir jeweils die für mich interessanteste Idee rausgepickt und mir darüber den Kopf zerbrochen. Und bin dann am Ende mit Zweifeln dagestanden, ob nicht vielleicht die Idee daneben besser gewesen wäre.

Und hier kommt die AIM (Assoziative Ideenmatrix) zur Hilfe: Diesen Haufen an Ideen-»Rohmaterial«, wie es Norden nennt, kannst du mit der AIM-Technik zu einem Ideenteppich verweben, der alle von dir gewählten Begriffe miteinander verbindet und neue Ideen generiert, die »mehr Fleisch am Knochen« haben.

Was ist denn das Ziel dieser Matrix?

Norden erklärt in seinem Buch, dass es nicht das Ziel der AIM ist, damit die komplette Handlung für die Geschichte zu finden, sondern aus diesem Haufen »Rohmaterial« eine Flut an Ideen loszutreten, auf die man mit den anderen Techniken nicht gekommen wäre.

Mir liefert mir die AIM im besten Fall Ansätze für Plotpunkte, die ich dann zusammen mit dem Rest des Plots weiterentwickele; im schlechtesten Fall unzählige zusammenhängende Ideen für Szenen, Figuren und Orte, die ich dann aus diesem Teppich rauspflücken und in meinem Plot unterbringen kann.

Was brauchst du dazu?

Ich mache diese AIM-Technik und das vorhergehende Sammeln des Rohmaterials (mittels Brainstorming, Clustering, etc) gerne analog. Das ist für mich eine gute Abwechslung zur ewigen Arbeit am Laptop und ich kann bestätigen, dass ich dank der handschriftlichen Notizen einen besseren Zugang zu meinen Ideen habe.

Die AIM-Technik lässt sich sowohl analog als auch digital durchführen – dir steht also frei, was du dafür wählst. Du brauchst dazu:

  • Karteikarten (am besten nicht zu groß, A6 oder A7 reicht, liniert oder nicht liniert ist egal), oder genügend Papier, aus dem du Kärtchen schnippeln kannst
  • Einen Stift, um die Kärtchen zu beschreiben
  • Mehrere farbige Stifte, um die Kärtchen zu markieren (ca. 6 Farben)
  • Einen Notizblock — digital oder analog — um die Ergebnisse der Matrix zu notieren
  • Einen Timer: z.B. Handy, Küchenuhr, https://e.ggtimer.com (falls der Alarm am Ende nicht ertönt, einfach einen anderen Browser benutzen)
  • Und das Schwierigste Wichtigste: mindestens zwei Stunden (besser mehr) ungestörte Zeit

Die Vorbereitung der Begriffe

Im Optimalfall hast du also einen Haufen an Stichworten, die du aus dem Clustering, Brainstorming oder im Laufe der Zeit irgendwo angesammelt hast (wenn nicht, dann solltest du eine Stunde oder mehr Zeit nehmen, das zu tun, bevor du hier weitermachst).

Dieses Sammelsurium gehst du nun durch und sortierst diejenigen Begriffe aus, die du nicht benutzen möchtest, und teilst die anderen in Kategorien ein. Norden empfiehlt für Romane folgende Kategorien:

  • Charaktere
  • Orte
  • Organisationen / Gruppierungen
  • Wichtige Gegenstände
  • Thema
  • Technologien
  • Rassen

Natürlich ist diese Liste weder verbindlich noch abschließend. Es spielt auch keine große Rolle, wie viele Kategorien es schlussendlich sind oder wie viele Begriffe in welcher Kategorie drin sind. Für mich geht es am Ende einfach darum, dass ich nicht von einer Kategorie zu viele Karten in der Matrix liegen und ein einigermaßen durchmischtes Sammelsurium an Begriffen habe.

Ich schreibe hauptsächlich Dark Fantasy, also brauche ich außer irgendwelchen Arten von Magie meistens keine weiteren Techniken und ich habe auch keine besonderen Rassen, denen meine Charaktere angehören könnten (Rassen von Tieren mal außen vorgelassen). Somit sieht meine Kategorienliste so aus:

  • Charaktere
  • Orte
  • Organisationen / Gruppierungen
  • Wichtige Gegenstände
  • Thema
  • Konflikte (zum Beispiel die Festnahme meines Protagonisten)
  • Ereignisse (zum Beispiel bricht ein Feuer aus)

Der Übersicht zuliebe weise ich den Kategorien jeweils gleich eine Farbe zu, damit ich nachher die Begriffe bzw. die Kärtchen damit markieren kann.

Nun gehe ich meine Begriffe durch und notiere jeden einzeln auf einem Kärtchen und ergänze die Farbe der Kategorie. Dann sieht das am Ende in etwa so aus:

Die Matrix auslegen

Norden empfiehlt, eine Matrix mit 20 Karten für ein Romanprojekt zu verwenden. Eine größere Matrix ist zwar verlockend, aber frisst eine Unmenge an Zeit und hat sich für mich nicht bewährt. Ich halte mich daher an seine Empfehlung. Du kannst für den Anfang auch eine kleinere Matrix auslegen, achte einfach darauf, dass die Reihen alle gleich viele Karten aufweisen.

Aus diesem Haufen an Karten suche ich mir nun die Karten raus, die ich unbedingt haben will, und fülle den Rest mit Zufallsziehungen auf. Du kannst aber die Karten auch mischen und davon 20 blind ziehen. Oder du wählst von jeder Kategorie 2-3 Karten aus und füllst den Rest mit Zufallsziehungen auf. Oder du lässt deine Katze wählen. Oder den Kanarienvogel.

Ich achte darauf, dass ich von jeder Karte sicher zwei drin habe, den Rest überlasse ich dem Zufall.

Eine Bemerkung zur Thema-Karte: Norden empfiehlt eine, maximal zwei Themenkarten zu verwenden, da es sonst schwierig bis unmöglich werden kann, alle Themen befriedigend im Roman unterzubringen. Ich lege darum immer nur ein Thema fest (habe also auch nur eine Karte). Manchmal lasse ich die Themenkarte auch ganz weg, und verwende die zu einem späteren Zeitpunkt — dazu aber weiter unten mehr.

Nun wird die Matrix ausgelegt. Ein Raster von 4×5 oder 5×4 bietet sich da an. Dabei werden die Karten wiederum nach Zufallsprinzip ausgelegt und die Kombinationen somit dem Zufall überlassen.

Die Ideenfindung: Die erste Karte

Nun geht es ans Eingemachte: die Verknüpfung der Begriffe. Norden hat dafür eine super Methode ausgeknobelt, um die Begriffe alle miteinander in Verbindung zu bringen:

Und zwar wird eine Karte gewählt, und davon aus jeweils mit dem Begriff rechts, unten rechts, unten und unten links davon verknüpft. In meinem Beispiel sieht das so aus:

Es spielt überhaupt keine Rolle, womit du beginnst, du solltest dir einfach entweder notieren oder auf der Karte markieren, welche du schon abgearbeitet hast. In diesem Beispiel beginne ich mit der Karte »Anführer« (die rot gefärbte Karte im Foto). Ausgehend von diesem Begriff ergeben sich also folgende Kombinationen:

  • Anführer & Bernsteinquelle geht / kommt (rechts)
  • Anführer & Angriff des Stammes (unten rechts)
  • Anführer & Bernstein (unten)
  • Anführer & Heiße Quellen (unten links)

Da ich in diesem Begriffspaar zweimal etwas mit Bernstein habe, helfen mir die Farbmarkierungen, diese zu unterscheiden. Beim einen handelt es sich nämlich um ein Ereignis (»Bernsteinquelle geht / kommt«), beim anderen um einen wichtigen Gegenstand.

Und nun kommt die Küchenuhr zum Einsatz:

Nimm dir nun das erste Begriffspaar vor und notiere dir in zwei bis vier Minuten, was dir dazu einfällt. Das Zeitfenster hilft dir dabei, einerseits die Zeit nicht zu vergessen, andererseits zwingt es dich, nicht gleich nach den ersten 20 Sekunden aufzugeben, wenn dir nichts einfällt.

Ganz wichtig: Notiere dir alle Ideen, die dir in den Sinn kommen, auch wenn sie dir noch so doof, unwichtig oder schlecht vorkommen. Denn meistens kommen nach den vermeintlich schlechten oft die besseren Ideen (darum achte ich immer darauf, dass ich pro Paar um die 10 Ideen hinkriege), außerdem brauchst du dir zu diesem Zeitpunkt noch gar keine Gedanken darüber zu machen, ob das, was dir einfällt, brauchbar ist, oder nicht.

In meinem Beispiel könnte das folgendermaßen aussehen:

Anführer & Bernsteinquelle geht / kommt:

  • Der Anführer muss seinen Stamm wegführen, da in unmittelbarer Nähe eine Quelle entsteht (die aus Gründen gefährlich für die Menschen ist)
  • Der Anführer ruft alle anderen Clan-Anführer zusammen, weil die Quelle versiegt und für ihre Magier eine andere Quelle gefunden werden muss
  • Der Anführer lässt seinen Stamm-Schamanen voraussagen, wann der erste Gott an der neu entstandenen Quelle auftaucht

Anführer & Angriff des Stammes

  • Der Anführer wird beim Angriff getötet (der Klassiker)
  • Der Anführer unterwirft einen anderen Stamm, der über eine Quelle herrscht
  • Der Anführer kann sich nicht verteidigen, da die Angreifer über mächtige Magier verfügen (scheinen also eine Quelle zu haben)
  • Der Anführer greift einen Stamm an, um jemanden zu befreien / jemanden zu rächen

Und so machst du weiter, bis du alle vier Kombinationen durch hast.

Die weiteren Karten

Nach der ersten Kombination markierst du die Karte, die du soeben abgearbeitet hast (in dem Beispiel »Anführer«) und wählst die nächste. Wenn es über die Ränder des Rasters hinausgeht, wird es ein wenig knifflig.

Im Beispiel hier habe ich die 20. Karte gewählt: »Blutmagie«. Dazu wähle ich wiederum die Begriffe rechts, unten rechts, unten und unten links — nur dass ich jetzt wieder oben und von der linken Seite ins Raster rein muss.

Das ergibt in meinem Beispiel folgende Kombinationen:

  • Blutmagie & Rache (rechts)
  • Blutmagie & Geheimniskrämerei (unten rechts)
  • Blutmagie & Mutanten (unten) 
  • Blutmagie & Blutmagier (unten links)

Dann arbeitest du wieder diese vier Verbindungen ab, und so weiter und so fort … bis du mit allen Karten durch bist (und dein Hirn wahrscheinlich raucht ;)).

Separate Themen-Karten

Ich habe oben die Themenkarte erwähnt, die ich manchmal nicht in der Matrix mit auslege. Bei gewissen Projekten ist es mir wichtiger, das Thema bei allen Begriffspaaren einfliessen zu lassen, als wenn ich es »nur« bei einigen Verbindungen in der Matrix verwurstle.

Darum hebe ich mir die Themenkarte oft bis zum Schluss auf und gehe dann, wenn ich alle Kombinationen durch habe, mit der Themenkarte nochmals über die Paare drüber und ergänze meine Kombi-Ideen mit Einfällen zum Thema.

Hier ergänze ich lediglich: Ich werfe die Ideen einer Kombi zusammen mit dem Thema in einen imaginären Beutel, schüttle und schaue, ob und wie sich etwas verbindet. Wenn nichts passiert, ist es auch okay, denn das hier ist nicht der finale Zeitpunkt, um das Thema fix einzubauen; dazu bleibt beim Plotten, Schreiben und Überarbeiten noch Zeit. 😉

Aussortieren der Ideen

Nun kannst du dir deinen Schatz genauer ansehen und alle Ideen durchgehen. Bei mir fügen sich die einzelnen Kombi-Ideen bereits zu zusammenhängenden Szenen oder Plotpunkten zusammen, und geben mir gute Ansätze, den Plot auszuarbeiten.

Dies ist für eine Hardcore-Plotterin wie mich mindestens nochmals so viel Arbeit. Dazu aber in einem späteren Beitrag mehr.

Fazit

Die AIM ist eine tolle Methode, Ideen miteinander zu verknüpfen und sie sich gegenseitig befruchten lassen. Allerdings ist sie sehr zeitaufwändig und braucht viel ruhige Zeit, am besten an einem Stück. Natürlich kann man die Matrix auch kleiner auslegen, dann reduziert sich auch die Arbeitszeit.

Ich empfinde die AIM-Methode als sehr inspirierend und dank des Zufallsprinzips erhalte ich »unbequeme« Kombinationen, über die ich nie freiwillig nachgedacht hätte.


Was sind deine Erfahrungen? Kennst du die Methode oder würdest du sie auch einmal ausprobieren? Ich bin gespannt auf deinen Bericht!