Wie du interessante Romanfiguren entwickeln kannst: meine Tipps und Tricks

Figuren sind das A und O jeder Geschichte, darum ist es wichtig, dass wir interessante Romanfiguren entwickeln. Denn sie sind es, die den Plot und die Geschichte voranbringen und die dir am Ende eines Romans im Gedächtnis bleiben werden.

Wenn wir einen Roman oder eine Geschichte zu lesen beginnen, bleiben wir dran, weil wir wissen wollen, was mit den Figuren geschieht.

Schlechte Figuren interessieren uns nicht die Bohne. Uns ist egal, was mit ihnen geschieht: Am Ende der Geschichte (wenn wir es überhaupt so weit schaffen) bleiben wir mit einem unbefriedigenden «so what?» zurück.

Gute Figuren lassen uns am Geschehen teilhaben: Katastrophen, die wir durch mitreissende Figuren erleben, berühren uns tiefer. Wir leiden und freuen uns mit den Figuren.

Aber wie können wir interessante Romanfiguren entwickeln?

Was macht eine interessante Romanfigur aus?

  • Die Figur ist nicht perfekt. Perfekte Figuren, denen alles gelingt, die von allen geliebt werden, immer erfolgreich sind und keine Probleme haben, sind furchtbar langweilig. Der Leser wird sich nicht mit ihnen identifizieren können und wollen. Darum brauchen Figuren einen Makel, eine Imperfektion, die sie menschlich macht. Genau deswegen ist Sherlock Holmes so bekannt: Er hat einen genialen Intellekt – aber er ist auch drogenabhängig, schrullig und sozial völlig inkompetent.
  • Die Figur soll zweifeln. Im wirklichen Leben werden auch wir von Zweifeln geplagt, und wünschen uns Figuren, denen das auch so geht. Wir mögen Figuren, die irren, falsche Entscheidungen treffen und sich manchmal der Situation nicht gewachsen fühlen.
  • Die Figur entwickelt sich. Interessante Figuren verändern sich im Verlauf der Geschichte. Elizabeth George schreibt in ihrem Buch «Wort für Wort»:

Das Elend lässt sie in die Grube fallen, aus der sie im Fortgang des Romans herausklettern.

Konflikte formen die Figur, und der Leser freut sich, dass er an ihrer Entwicklung teilhaben darf.

Wie man Gott spielt – oder Romanfiguren entwickeln kann

Ich liebe es, Figuren zu entwickeln. Egal, ob ich sie anschliessend gebrauche, oder nicht. Ich zeige dir anhand eines Beispiels meine Vorgehensweise (die natürlich kein Masterplan ist und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt), um Gott zu spielen.

Schritt 1: Brainstorming

Vielleicht habe ich schon eine Figur im Sinn, vielleicht möchte ich auch einfach mal eine Figur aus dem Nichts erschaffen und mich überraschen lassen, was sie mir für eine Geschichte erzählt. Dabei lasse ich alles einfliessen, was mir in den Sinn kommt: Ziele, Vorlieben, Abneigungen, Aussehen, Ticks, Lieblingsessen, Erlebnisse, …

Ich mache diesen Schritt immer handschriftlich, weil ich diesen Teil des Schaffens gerne analog mache und das Gefühl habe, kreativer zu sein.

Charakter Brainstorm

Ich habe hier ein paar wenige Minuten Brainstorming betrieben und nun ein paar ungefähre Ideen, wie meine Figur aussehen und ticken könnte. Im Optimalfall finde ich in dieser Phase bereits Ideen für (Kurz-)Geschichten, sprich Ansätze für Konflikte.

Schritt 2: Die grobe Skizze

Von den Ideen aus dem Brainstorming picke ich mir all die raus, die mir am interessantesten erscheinen. Dann erstelle ich einen ultrakurzen Steckbrief. Wichtig ist hier für mich, dass ich mich nicht zu sehr ins Detail verrenne. Denn es ist schade um die Zeit, die ich in die detaillierte Ausarbeitung des Charakters stecke, wenn ich ihn nachher so gar nicht gebrauchen kann.

Darum umfasst meine grobe Charakterskizze folgende Informationen:

  • Geschlecht, Alter: männlich, 45 Jahre
  • Ziel im Roman / in der Geschichte: den sagenumwobenen «Glückspilz“ finden
  • Motivation, dieses Ziel zu erreichen: weil er ein erfolgloser Händler ist

Schritt 3: Freewriting

Wenn ich eine ganz grobe Vorstellung von meiner Figur habe, beginne ich mit einer genaueren Beschreibung. Dabei orientiere ich mich der Theorie von Lajos Egri, der eine interessante Figur als dreidimensional beschreibt:

  • Die physiologische Dimension umfasst Grösse, Alter, Gewicht, Geschlecht, Rasse, Gesundheit, Gestik, Mimik, Narben, Hautfarbe, Stimmlage, Körperhaltung, … Also alles, was uns optisch an einem Menschen auffällt. Und diese Eigenschaften haben einen immensen Einfluss auf die Figur: Wird sie vielleicht gemobbt, weil sie übergewichtig ist? Wird sie als Model gebucht, weil sie die perfekte Haut besitzt?

Um eine Figur wirklich abrunden zu können, muss man ihre Physiologie durch und durch verstanden haben. James N. Frey

  • Die soziologische Dimension beschreibt, welcher sozialen Schicht die Figur entstammt, welche politischen und religiösen Ansichten sie vertritt, wie sie erzogen wurde, woran sie glaubt. Sind ihre Freunde gute oder schlechte? Woher stammt sie, wie ist sie aufgewachsen?

Solange ein Autor nicht die Entwicklung seiner Figur von Grund auf kennt, sind deren Beweggründe nicht ganz zu verstehen. Es sind diese Beweggründe, die die Konflikte produzieren und die erzählerische Spannung erzeigen […] James N. Frey

  • Die psychologische Dimension ist das logische Resultat aus den ersten beiden Dimensionen. Sie umfasst Eigenschaften wie Ziele, Sehnsüchte, Ängste, Komplexe, Gewohnheiten, Begabungen, etc. Wichtig ist, dass diese Eigenschaften erklärbar sind und der Leser versteht, warum die Figur tut, was sie tut.Die gemobbte Figur entwickelt vielleicht eine Essstörung. Das Model scheffelt mit ihren Verträgen vielleicht so viel Geld, dass sie jedes Wochenende für 4000 Euro shoppen geht.

Diese drei Dimensionen erfahre ich gerne im Freewriting. Dazu nehme ich mir jeweils eine Viertelstunde Zeit und schreibe einfach auf, was mir unter Berücksichtigung des ersten groben Steckbriefs einfällt – ohne Filter, ohne kritische Gedanken. Und vor allem: Ohne Anspruch, bereits alle Facetten dieser Dimensionen zu beschreiben.

Hier ein Beispiel, wie ein kurzes Freewriting zur physiologischen Dimension von Jeremias aussehen könnte:

Jeremias ist etwa 45 Jahre alt. Sein einst schwarzes Haar ist bereits an fast allen Stellen ergraut und es machen sich Geheimratsecken bemerkbar. Er ist ein runder Kerl, der beim Gehen schnell ausser Atem gerät und dabei gerne mit den Armen rudert. Sein Gesicht erinnert an einen Vollmond, wirkt ein wenig teigig und wird von einer grossen Knollennase dominiert. Buschige Brauen thronen über den Augen und sind – wie seine eisblauen Augen – ständig in Bewegung. Jeremias trägt einen ebenfalls bereits ergrauten Schnauzer, den er mit Hingabe pflegt und frisiert.

Beim Gehen in der Menge erinnert er an eine Boje, die in den Wellen hin und her schwankt. Allgemein ist er eine Person, die viel Platz braucht. Beim Reden benutzt er eine ausgeprägte Gestik und seine Aussprache (er rollt das «R“ wie die Völker des Südens) ist mitunter feucht. Er spricht viel, und das vor allem laut. Den Akzent, den er trotz der vielen Jahre in der Hauptstadt nicht ablegen konnte, entlarvt ihn als Bürger von Daham.

Schritt 4: Filtern, streichen, ergänzen, weiter formen

Hier trete ich einen Schritt von der Figur zurück und versuche mir anhand der Texte vorzustellen, wie sie tatsächlich aussieht und tickt. Vielleicht hat sie sich in eine völlig andere Richtung entwickelt, als ich am Anfang geplant hatte. Das ist nicht weiter schlimm, denn noch ist nichts in Stein gemeisselt.

Höchstwahrscheinlich fehlen auch noch verschiedene Aspekte, welche die Figur wirklich abrunden. Dazu nehme ich gerne das Soufflierblatt von Elizabeth George zur Hand, mit dem ich weitere Eigenschaften ergänzen oder ausarbeiten kann.

Schritt 5: Taufe

Manchmal finde ich schon beim Brainstorming einen passenden Namen. Generell aber wähle ich den endgültigen Namen erst am Schluss, wenn ich ein ungefähres Bild der Figur habe. Vorher verbrate ich damit viel zu viel Zeit und mache mir unnötige Gedanken über die Figur, die keine Substanz haben.

Tipps, wie du einen passenden Namen für deine Figur finden kannst, gibt’s hier.

Wie, das war’s?

Nein, nicht ganz. Aber bis zu diesem Punkt arbeite ich alle meine Figuren im Mindesten aus, auch Nebencharaktere. Natürlich mache ich das nicht für den einen Kunden in der Bäckerei, dem ich drei Zeilen widme. Aber für die Nachbarin, die direkt neben meinem Protagonisten wohnt.

Meet & Greet

Schliesslich mache ich das, worauf ich mich bei der Figurenerschaffung immer am meisten freue: Ich treffe mich mit ihnen. Das klingt jetzt vielleicht ein wenig schizophren, ist aber eine tolle Möglichkeit, mehr über die Figuren zu erfahren.

Ich treffe mich zu einem Gespräch in ihrem Lieblingscafé. Oder beim Lieblingsbaum. Oder ich treffe sie zu zweit, weil sie beide unzertrennlich sind. Wo und wie auch immer sie für ein fiktives Gespräch platziere: Dadurch erfahre ich Neues über sie.

Dann beginne ich mit ihr ein Gespräch. Hier ein Beispiel eines «Interviews“ mit Aran, einer Figur eines alten Projekts:

Hallo, wie ist dein Name und woher kommst du?
Mein Name ist Aran und ich bin in einem Fischerdorf an der Küste im Norden des Reichs aufgewachsen.

Wie war deine Kindheit?
Über solche Belanglosigkeiten möchte ich nicht reden.

Warum nicht?
Weil diese nichts zur Sache tun. Die sind langweilig. Wichtig ist doch nur, was ich im Moment tue. Was geschehen ist, ist geschehen, das ist schon lange vorbei.

Es klingt, als wärst du nicht stolz auf deine Vergangenheit?
Ich hätte einiges anders machen können, aber es ist so gekommen, wie es jetzt ist. Ich will nicht drüber reden.

Weil ich zu faul bin, dir eine Hintergrundgeschichte zu geben?
Nein. Wenn du es darauf anlegst, bitte: Meine Kindheit war durchzogen. Ich will dir nicht vorheulen, dass ich es schwer hatte. Aber wir mussten hart arbeiten, damit wir etwas auf dem Tisch hatten.

Aber das müssen andere doch auch.
Ja, manchen fällt das aber leichter. Als ich das erste Mal aus dem Dorf kam und die Stadt besuchte, sah ich, dass es auch anderes gibt als immer nur die ewige Fischerei.

Du magst also deinen Beruf nicht?
Mein Vater hat mich schon als kleiner Junge aufs Boot mitgenommen. Es war das Einzige, was wir hatten. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zu helfen; so wurde ich automatisch Fischer. So gesehen: nein, ich mag meinen Beruf nicht.

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    […] erschien, ohne bereits gross ins Detail zu gehen. Dabei konzentrierte ich mich erst einmal auf die physiologische Ebene: Wie soll die Figur aussehen? Was macht sie speziell? Woran würde man sie sofort erkennen? Und […]

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