Eiszeit

Die gedrungene Gestalt, die zwischen den Waggons herumschlich, bereitete mir Unbehagen, und die Hitze auf der Sanddüne war unerträglich. Schmerz jagte im Rhythmus des Herzschlages durch meinen Kopf, die Zunge lag pelzig und einem Fremdkörper gleich im Mund. Nervös kaute ich auf den aufgesprungenen Lippen und versuchte, den metallischen Geschmack zu ignorieren.

Ich lag auf dem Bauch und spähte die Düne hinab, an deren Fusse fünf aneinandergereihte rostige Zugwaggons im Sand lagen wie gestrandete Wale. Der erste war bereits fast gänzlich von der Düne verschluckt, die anderen erwarteten stoisch ihr Schicksal. Die Luft darüber flimmerte und liess die Welt dahinter aussehen, als bestünde sie aus flüssigem Gestein.

Der letzte Waggon war meiner. Er stand schräg zu den anderen, und ein Scherzbold hatte damals, als das Wasser verschwand und Wüsten zurückblieben, das Wort Eiszeit in Blau und Grün als Graffiti darauf gemalt. Wahrscheinlich hatte es einmal schön ausgesehen, nun aber erinnerte mich Geschmiere an vertrockneten Schimmel, der den Wagen überzog wie ein Geschwür.

Ich hatte den Zug gestern entdeckt und die Nacht im Eiszeit-Waggon verbracht. Heute Morgen war ich losgezogen, um die nähere Umgebung zu erkunden, aber abgesehen von einer Ansammlung Betonruinen im Westen unterschied sich die Umgebung nicht von jener Sandwüste, durch die ich mich seit Tagen quälte. Ich wollte an meinem Plan festhalten und weiter in Richtung Norden wandern.

Nun aber hinderte mich die Gestalt dort unten daran, meine Habseligkeiten zu packen und weiterzuziehen. Ich hatte keine Ahnung, was sie im Schilde führte und ob sie bewaffnet war, aber ich hielt es für besser, vom Schlimmsten auszugehen. Warten, bis sie verschwand, konnte ich nicht. Zu gross war die Gefahr, dass sie es fand. Es war alles, was ich hatte. In Gedanken überschlug ich meine Möglichkeiten. Mich ungesehen dem Eiszeit-Waggon zu nähern war leicht. Aber was, wenn ich auf die Gestalt traf? In meinem Zustand wollte ich einen Kampf um jeden Preis vermeiden.

Ich zählte leise bis zehn, dann rutschte ich die Düne hinab. Im losen Sand sank ich bis zu den Waden ein. Der Abhang war so steil, dass ich eine kleine Lawine auslöste, die mich mit sich trieb. Unten angekommen huschte ich geduckt ans Ende des halb vergrabenen Wagens. Keuchend presste ich mich mit dem Rücken an das heisse Metall und schloss für einen Moment die Augen. Mein Kopf fühlte sich an, als würde er platzen. Hastig riss ich das Tuch von Mund und Nase und würgte krampfend Galle zwischen die Füsse.

Mit zittrigen Händen fummelte ich das Messer aus der Scheide, fuhr mit dem Ärmel über die Lippen und schielte zum nächsten Waggon hinüber. Ich hielt den Atem an und lauschte. Irgendwo rieselte Sand über Eisen, ansonsten war es totenstill.

Als ich mich aufrichten und durchs Fenster spähen wollte, vernahm ich eine Stimme hinter mir.

«Sieh mal einer an! Heute ist wohl mein Glückstag!»

Ich fuhr herum. Der glatzköpfige Kerl war grösser, als er aus der Ferne gewirkt hatte. Er trug eine dieser uralten Bikerbrillen, deren runde, schwarze Gläser vor Staub fast blind geworden waren. Er stand unmittelbar hinter mir, mit ausgebreiteten Armen, und blickte mich von oben herab an. Den Mund hatte er zu einem abfälligen Grinsen verzogen. Ein paar Zähne fehlten. Er sah nicht aus, als wäre er zum Plaudern hier.

Ich riss mich aus der Erstarrung und stach nach ihm. Es hätte nicht viel gefehlt. Der Kerl keuchte überrascht auf und machte einen Schritt nach hinten.

«Du verdammte …!»

Weiter kam er nicht. Ich nutzte seine Überraschung und trat ihm mit aller Kraft zwischen die Beine. Während er mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Knie sank, stürmte ich los. Mit jedem Schritt fühlte sich mein Kopf an, als würde jemand mit einem Hammer darauf einschlagen. Ich hoffte, dass ich meinen Waggon erreichte, bevor ich vor Schmerzen zusammenbrach.

Auf halber Strecke warf ich einen Blick zurück. Mein Herz setzte einen Schlag aus: Der Riese hatte sich erholt und rannte mir brüllend und ungelenk hinterher. Aber er war schnell. Schneller als ich.

Verdammt!

Ich mobilisierte die letzten Kräfte und sah den rettenden Eisenbahnwagen nur wenige Meter vor mir. Ich strauchelte. Eisen blitzte vor mir im Sand auf und mit einem erschrockenen Keuchen riss ich die Arme herum. Mit einer grotesken Bewegung wich ich der Falle aus, machte einen Ausfallschritt und versuchte verzweifelt, das Gleichgewicht zu halten.

Vergebens. Ich knickte ab und ein grässlicher Schmerz zuckte durch den Knöchel. Dann stürzte ich. Mit mehr Glück als Verstand verfehlte ich das Fangeisen. Hinter mir tobte der Riese. Ich rappelte mich hoch und hinkte zum Waggon. Keuchend presste ich mich mit Rücken und Händen an das heisse Metall.

Mein Blick flackerte.

Ich sah den Kerl, wie er mit hochrotem Kopf auf mich zu gerannt kam. Als er nur noch ein paar Schritte von mir entfernt war, schnappte die Falle zu. Mit einem unmenschlichen Schrei fiel er vornüber und tastete nach dem rostigen Fangeisen, dessen Zähne sich tief in sein Fleisch gruben. Beunruhigt beobachtete ich, wie er versuchte, das Eisen zu lösen, doch es gelang ihm nicht. Ich atmete auf.

Der Hüne tobte. Ich liess ihn. Schnell betrat ich den Waggon, packte meine wenigen Habseligkeiten zusammen und verstaute alles im Rucksack. Dann trat ich zu einem der Sitze und löste vorsichtig das Polster. Andächtig strich ich über das darunter verborgene Buch. Der zerknitterte Einband, die Eselsohren und die gelb-braunen Seiten taten seiner Schönheit keinen Abbruch: Das Titelbild zeigte einen Eisberg, darüber stand mit grossen Lettern Lonely Planet The Arctic.

Ich nahm es an mich, schulterte den Rucksack und verliess den Wagen. Der Kerl war wimmernd auf die Knie gesunken, Blut sickerte aus der Fleischwunde und färbte den Sand um ihn herum rostbraun. Mitleid stieg in mir auf, doch ich hatte ein anderes Ziel. Mit Bedauern liess ich das letzte Fangeisen zurück. Ich würde mir etwas Neues einfallen lassen müssen.

Ohne den Riesen eines weiteren Blickes zu würdigen, ging ich an ihm vorbei und schlug den Weg nach Norden ein.


Inspiriert wurde ich durch den Track Eiszeit von Roey Marquis II:


Flash Fiction vom Oktober 2016 — Thema: Beliebiges Lied — Wortanzahl: 978

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Weitere Traumfänger-Flash Fiction:

Carmen: Hallo Spielmann
Evelyne: Blut im Schnee
Lucie: Strip no more (english)

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FF-Thema für November 2016: Drachen

12

    Sehr coole Geschichte! Ich hab die ganze Szene wie ein Film vor mir gesehen und konnte mir alles super vorstellen. Der Titel hat mich erst ein wenig verwirrt, aber als er nach einigen Zeilen aufgeklärt wurde, musste ich doch schmunzeln. 😉 Steht die Geschichte für sich oder ist sie Teil eines Projekts?

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    Ah, freut mich, dass das mit dem Titel funktioniert hat 🙂 Die Geschichte steht für sich. Allerdings würde ich gerne mal ein wenig mehr Zeit (und vor allem Wörter ^^) in ein postapokalyptisches Setting investieren. Ich find das so faszinierend. Das muss aber noch warten bis zumindest der NaNo durch ist. 🙂

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    Ah, mich holst du im Moment total ab mit dem Setting. 😀 Und es passt natürlich perfekt zum Lied, das du ausgesucht hast.

    Beim Ende musste ich schmunzeln. Obwohl die Geschichte kurz ist, hat man doch genug Zeit, sich zu überlegen, was “es” wohl sein könnte. Auf einen Arktis-Reiseführer wäre ich nicht gekommen. 😉

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    Yeah, cool. Ich find das Setting sehr sexy, es spukt schon lange eine Geschichte irgendwie herum, aber ich ziere mich noch ein wenig. Das geht ja schon fast ein wenig ins “SciFi” (also, nicht ins echte, aber halt schon in eine Richtung, wo man viele verärgern kann, wenn man fadenscheinige klimatische Bedingungen und Veränderungen an den Haaren herbeizieht), darum habe ich mich bisher vor dem Setting ein wenig gedrückt. Die FF ist insofern toll, als dass ich hier nicht lange erklären muss (und kann), wie es soweit gekommen ist. 🙂

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    Schön, dass es den Lonely-Planet auch noch gibt, wenn alles nur noch Staub und Sand ist 🙂 Ich musste erst mal das Lied hören, da ich es nicht kannte. Story und Lied passen wirklich perfekt zusammen. Gibt es einen besonderen Grund, warum du die Ich-Perspektive gewählt hast für diese Geschichte?

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    Mir ist aufgefallen, dass ich noch keine FF – und ich merke gerade, nicht nur keine FF, sondern auch keine anderen KGs oder Texte – in der Ich-Perspektive geschrieben habe, und wollte das auch mal tun. Ein Masterplan steckt nicht dahinter. 🙂

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    Ich habe mal eine längere Kurzgeschichte aus der Ich-Perspektive geschrieben. Eine meiner Ersten. Und ich habe es schnell bereut. ?
    Zum Lesen finde ich es aber spannend.

    Und ich denke bezüglich des Genres machst du dir zu viele Sorgen. Es gibt x dystopische Filme und Bücher, die nie erklären, wie es soweit gekommen ist. Aber ich verstehe dich, weil es mir nicht unähnlich geht. ?

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    Warum bereut? 🙂

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    Weil ich es sehr mühsam finde zum Schreiben. Es ist irgendwie schwieriger, die Perspektive einzuhalten.
    Noch schlimmer ist aber Ich-Perspektive und Präsens! ?

    Ich habe gemerkt, dass man die Ich-Perspektive einfach wirklich nur benützen sollte, wenn die Ich-Person auch einen Grossteil der Handlung wirklich selbst erlebt. Es gibt nichts schlimmeres als eine Erzählerin, die herumsitzt und dann die eigentliche Action von anderen erzählt –> das zweite Outlander Buch von Gabaldon. Das ging gar nicht o_O in FF oder KGs wird man das Problem wohl weniger haben, aber in langen Geschichten könnte es vorkommen.

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    Aus reiner Neugier müsste ich mir mal das Buch von Gabaldon anschauen 🙂 Weil es macht ja echt nicht Sinn, eine Person aus ihrer Perspektive erzählen zu lassen, wenn die nicht eine der Protagonisten ist. Bei Kurzgeschichten lese ich diese Perspektive noch gerne, allerdings mache ich um Romane in der Ich-Perspektive einen Bogen. Das mag ich gar nicht. Ich fühle mich da irgendwie bevormundet … 🙂

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    Es sind zwar auch Kurzgeschichten, aber Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle macht ja eigentlich genau das. Die Handlung des Protagonisten aus Sicht seines Handlangers beschreiben. Und erstaunlicherweise funktioniert es sogar. 😉

    Aber ich denke schon, dass man da ein gutes Händchen bei zeigen muss, um das wirklich vernünftig umzusetzen.

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