Aquamarin

Als Tavoran die Hafenschänke verliess, war die Luft noch immer trocken und heiss, und das Licht der untergehenden Sonne blendete ihn. Er liess den Blick über den Himmel schweifen und entdeckte ein paar dunkle Wolken, welche langersehnten Regen und etwas Abkühlung versprachen. Ein paar Augenblicke beobachtete er das geschäftige Treiben auf den Piers, als ihm eine zierliche Gestalt auffiel, die sich zwischen aufgestapelten Waren und grobschlächtigen Hafenarbeitern hindurchschlängelte und zügig in seine Richtung kam.
Er kniff die Augen zusammen. War das nicht …? Sein Herz setzte einen Schlag aus.

«Lerena!»

Die junge Frau verlangsamte ihren Gang und sah sich suchend um, ehe sie ihn zwischen den anderen Leuten entdeckte.

«Tavoran?» Sie sah einen Augenblick erschrocken aus, dann aber stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht. Mit ausgreifenden Schritten kam sie auf ihn zu. «Bei den Dreiäugigen Göttern, was tust du denn hier?»

Lachend breitete er seine Arme aus. «Dasselbe könnte ich dich fragen.» Er zog sie an sich und umarmte sie. Ihr Haar kitzelte seinen Hals, während er den Geruch von Leder, Salz und Karamell wahrnahm.

«Schön, dich wiederzusehen», sagte er und schob sie auf Armeslänge von sich, um sie anzusehen. «Wo warst du denn die ganze Zeit?»

Sie wich seinem Blick aus und zuckte mit den Schultern. «Ach, mal hier mal dort. Kennst das ja.»

«Mal hier, mal dort? Noch immer dieselben Gaunereien?» Er grinste und musste daran denken, wie sie früher zusammen durch die Strassen von Catun gezogen waren und ahnungslose Passanten um ihr hart verdientes Geld gebracht hatten. Ja, das war die Lerena, die er kannte. Und geliebt hatte. Bis sie vor einem Jahr von einem Tag auf den anderen aus seinem Leben verschwunden war.

Sie strich eine Strähne hinters Ohr und lächelte unsicher. Ihr Blick fiel auf das schmale Lederband um seinen Hals.

«Du trägst den immer noch?», fragte sie und ihre Stimme klang überrascht.

Tavoran griff nach dem Anhänger und nestelte den eingefassten Aquamarinkristall unter dem Lederwams hervor. «Natürlich. Er war schliesslich ein Geschenk von dir.»

Lerena schwieg und sah in den Hafen hinaus. Er folgte ihrem Blick und beobachtete das Schiff, das soeben abgelegt hatte. Der Wind hatte aufgefrischt und bauschte die Segel. Es würde schnell an Fahrt aufnehmen.

«Komm», sagte er schliesslich, nahm ihre Hand und legte sie auf seinen Arm. «Lass uns ins Schwarze Riff gehen und auf alte Zeiten anstossen.» Er zwinkerte ihr zu. «Und den einen oder anderen um ein wenig Geld erleichtern.»

«Ich sehe, du hast dich nicht verändert.» Sie sah ihn mit einem Ausdruck an, den er nicht richtig deuten konnte.

«Du weisst doch, dass ich das nicht lassen kann.» Er zuckte mit den Schultern und grinste schief zurück. «Ausserdem bin ich schon zu alt, um mich zu ändern.»

Sie schlenderten am Pier entlang. Er fühlte den Druck ihrer Hand auf seinem Arm und genoss es, sie an seiner Seite zu spüren. Als er den Blick hob, sah er, dass die Wolken bereits den ganzen Himmel überzogen und über dem Meer erkannte er die ersten Regenschleier.

Auf einmal blieb sie stehen und liess seinen Arm los. Als er sich zu ihr umdrehte, bemerkte er ein Glitzern in ihren Augen und konnte sehen, wie sehr sie mit sich rang. Ihre Stimme klang brüchig.

«Tavoran, ich werde Catun und Khaleh endgültig verlassen und morgen mit dem ersten Schiff nach Medorien reisen.»

Er fühlte sich, als würde ihm der Boden unter den Füssen weggerissen. «Was … warum?»

Sie wich seinem Blick aus, blinzelte ein paar Tränen weg und fixierte das Schiff am Horizont, das immer kleiner wurde. Tavoran stellte sich vor, wie sie dort an Bord stand, die kalten Hände auf dem rauen Holz der Reling, während ihr der Wind Haar und Gischt ins Gesicht trieb und sie einer unbekannten Zukunft entgegen segelte. Eine Zukunft ohne ihn. Er fühlte einen Stich im Herzen.

«Ich kann dieses Gaunerleben nicht mehr führen», sagte sie leise. «Ich will eine ehrliche Arbeit, bei der ich nicht gezwungen werde, Städte und Freunde zu meiden und jeden Morgen woanders aufzuwachen.» Sie machte eine Pause und schluckte. Ihre Stimme zitterte, als sie anfügte: «Ich kann nicht mehr.»

Überrascht blickte er sie an. Damals war sie diejenige gewesen, die ihn zu den Streifzügen überredet hatte. Sie hatte immer von Nervenkitzel und Freiheit geschwärmt, er hingegen hatte stets versucht, ihr die romantische Vorstellung dieses Gaunerlebens auszureden. Was hatte sie bloss zu dieser Entscheidung getrieben?

«Aber du hast doch hier in Catun Familie, Freunde.» Unter seiner Zunge sammelte sich bittere Galle. «Mich.»

Einige Herzschläge lang starrte er sie an, doch sie vermied es, ihm in die Augen zu schauen. Ein Gefühl der Hilflosigkeit überkam ihn. Heftiger als er beabsichtigt hatte, packte er sie an den Schultern und zwang sie, ihn anzusehen. «Dein ganzes Leben hat sich hier abgespielt! Unser Leben. Das kannst du doch nicht einfach zurücklassen und vergessen.»

Mit einer energischen Bewegung löste sie sich aus seinem Griff und trat einen Schritt zurück.

«Tavoran, ich muss gehen. Es gibt Dinge, von denen du nichts weisst, und die auch du nicht ändern kannst. Das Wasser steht mir bis zum Hals. Ich habe meine Entscheidung getroffen.»
«Dann nimm mich mit. Wir fangen in Medorien nochmals neu an. Ein ehrliches, normales Leben, ohne Gaunereien. Ohne diese Dinge.» Er fasste sie bei den Händen. «Lerena, bitte. Verlass mich nicht noch einmal.»

Sie lachte bitter. «Ach, Tavoran. Du weisst doch, ein ehrliches, normales Leben steht dir nicht. Du hast doch selbst gesagt, dass du dich nicht ändern wirst.»

Er sah es in ihren Augen: Sie hatte sich entschieden. Schon lange. Er wandte den Blick zum Horizont, hinter dem irgendwo Medorien lag. Das Segelschiff war verschwunden.

«Leb wohl, Tavoran.» Sie löste die Hände aus seinem Griff, umarmte ihn und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Dann drehte sie sich in einem Ruck herum und ging davon.

Er blickte ihr hinterher, unfähig, sich zu rühren. Hätte er sie zurückhalten sollen? Sie zwingen, hierzubleiben? Gedankenverloren tastete er nach dem Anhänger um seinen Hals. Er war nicht mehr da.

Dann begann es zu regnen.


Flash Fiction vom August 2016 — Schlagwort: Wasser — Wortanzahl: 994

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Schlagwort für September 2016: Traumfänger

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    Yvonne sofern du das alles geschrieben hast, bin ich gespannt auf deinen ersten Roman, der müsste mir sehr gefallen….

    Dorli

    Antworten

    Haha, ja danke für’s Kompliment 😀

    Der Roman braucht noch seine Weile, aber “was lange währt wird irgendwann dann einmal gut”.

    Liebe Grüsse
    Yvonne

    Antworten

    […] Dies ist meine Flash-Fiction für den Monat August. Das Thema war “Wasser”. Hier findet ihr die Schwestergeschichte von Yvonne mit dem schönen Titel “Aquamarin” […]

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